Eine neue öldichtung kann den richtigen Innendurchmesser, Außendurchmesser und die richtige Breite aufweisen und trotzdem nach der Montage lecken. Der Grund ist einfach: Eine Öldichtung dichtet nicht allein durch ihre Abmessungen ab. Ihre Leistung hängt vom Zusammenspiel zwischen Dichtlippe, Welle, Gehäuse, Schmiermittel, Temperatur, Drehbewegung und Montagebedingungen ab.
Dies ist einer der Gründe, warum das Austauschen einer leckenden Öldichtung durch eine andere Öldichtung mit exakt denselben Nennabmessungen das Problem nicht immer löst.
Die Welle könnte das eigentliche Problem sein
Die Dichtlippe läuft direkt an der rotierenden Welle entlang, daher gehört die Wellenoberfläche zum Dichtsystem.
Eine Welle mit zu hoher Rauheit kann die Reibung und den Verschleiß an der Lippe erhöhen. Eine abgenutzte Welle kann zudem eine umlaufende Nut an der Kontaktstelle der alten Dichtung entwickeln. Wird eine neue Dichtung auf derselben abgenutzten Stelle installiert, folgt die neue Lippe möglicherweise weiterhin dieser bestehenden Nut statt eine stabile Dichtfläche zu bilden.
Dies erklärt, warum eine Dichtung bei der Prüfung auf dem Werkbanktisch korrekt erscheinen kann, nach Inbetriebnahme der Maschine jedoch trotzdem lecken kann.
Die Installation kann das Ergebnis verändern
Die Dichtlippe ist ein relativ empfindlicher Funktionsbereich. Während der Montage kann eine scharfe Wellenkante, eine Keilnut, eine Verzahnung oder eine beschädigte Oberfläche die Lippe schneiden oder verformen.
Die Dichtung muss zudem gerade im Gehäuse eingebaut werden. Ist sie schief montiert, berührt die Lippe die Welle möglicherweise nicht gleichmäßig über ihren gesamten Umfang. Eine beschädigte Feder, ein verformtes Dichtungsgehäuse oder eine falsche Einbautiefe können ähnliche Probleme verursachen.
Auch das Gehäuse ist entscheidend. Der Außendurchmesser einer Dichtung muss die vorgesehene Passung mit der Bohrung des Gehäuses aufrechterhalten. Ist die Passung zu locker, kann sich die Dichtung verschieben oder eine Undichtigkeit am Außendurchmesser zulassen. Ist die Montage hingegen zu fest, kann die Dichtung verformt werden.

Betriebsbedingungen sind nach der Montage entscheidend
Selbst eine korrekt montierte Dichtung muss innerhalb geeigneter Betriebsbedingungen arbeiten.
Die Wellendrehzahl erzeugt Reibungswärme an der Lippe. Die tatsächliche Temperatur an der Dichtstelle kann daher höher sein als die Temperatur, die an anderer Stelle im Schmierstoff oder im Gehäuse gemessen wird.
Die Verträglichkeit mit Flüssigkeiten ist ein weiterer Aspekt. NBR, FKM und andere Elastomere weisen nicht gegenüber jeder Flüssigkeit oder jedem Temperaturbereich identische Beständigkeit auf. Ein Dichtungsmaterial, das für einen bestimmten Schmierstoff geeignet ist, muss nicht zwangsläufig für einen anderen geeignet sein.
Der Druck ist ebenfalls wichtig. Viele herkömmliche Radialwellendichtungen sind primär für die Rückhaltung von Schmierstoff und den Ausschluss von Verunreinigungen ausgelegt, nicht jedoch für das Aushalten erheblichen Drucks. Ein Dichtungsprofil, das für eine Drehdichtung bei niedrigem Druck vorgesehen ist, darf nicht automatisch als Druckdichtung betrachtet werden.
Leckagen sind oft ein Systemproblem
Wenn eine Öldichtung leckt, ist der Austausch der Dichtung nur ein Teil der Untersuchung.
Sinnvollere Fragen lauten: Ist die Wellenoberfläche noch geeignet? Liegt eine übermäßige Unwucht oder Fehlausrichtung vor? Ist der verwendete Schmierstoff korrekt? Hat sich die Betriebstemperatur geändert? Dreht sich die Welle schneller als vorgesehen? Wurde die Dichtung bei der Montage beschädigt?
Die TC-Öldichtungsinformation NQKSF betont ebenfalls, dass Abmessungen und Werkstoff der Dichtung auf Welle, Gehäuse, Temperatur, Druck, Drehzahl und Fluidbedingungen abgestimmt sein müssen – und nicht isoliert betrachtet werden dürfen.
Eine Öldichtung ist daher besser als Teil eines rotierenden Dichtungssystems zu verstehen. Wenn Welle, Dichtung, Schmiermittel und Betriebsbedingungen gemeinsam betrachtet werden, lässt sich die Ursache einer Undichtigkeit in der Regel deutlich leichter identifizieren.
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